Professionelle Schlüsselpersonen gewinnen und fördern

Der Kanton Aargau will sich ein Leitbild für seine Alterspolitik geben
und eine Fachstelle für Altersfragen einrichten. Dies das Ergebnis des
ersten Alterskongresses, der am Samstag in Aarau stattfand.

>>> Bericht Aargauerzeitung

 

"Ich freue mich wenn Sie, diese Ausführungen mit Ihren Kommentaren versehen."  Erich Weidmann:
7. Mai 2011 Kantonaler Alterskongress: 60 plus – na und? Kurz Input :Professionelle Schlüsselpersonen gewinnen und fördern
"Vom Behandlungsparadigma zum Lernparadigma“
Über die Bedeutung von Selbstverantwortung und Eigenkompetenz für professionelle Schlüsselpersonen
Das alltägliche Dilemma
Sieben Uhr. Pflegefachfrau S. hat ihren den Dienst begonnen. Heute unterstützt sie fünf schwer beeinträchtige betagte Menschen. Gleichzeitig ist sie als Tages-Verantwortliche zuständig vier Kolleginnen anzuleiten und zu überprüfen. Pflegefachfrau S. kann sich auch heute nicht auf die Arbeitsplanung verlassen. Eine Bewohnerin liegt im Sterben. Gleichzeitig leidet eine andere Bewohnerin an Durchfall. Eine weitere Person sucht verzweifelt den Ausgang und will nach Hause, obwohl sie doch schon seit über einem Jahr in dieser Institution zuhause ist. Wie meistens muss sie spontan Prioritäten setzen. Sie muss entscheiden, was Vorrang hat. Sie muss professionelle Pflege garantieren. Die Entscheidungen zeigen Wirkung. Bei den pflegeabhängigen Bewohnern und bei den Pflegenden.
Lauter Entscheide, die nicht zu vertreten sind
Je nachdem, von welcher Perspektive jemand das Geschehen beobachtet, entstehen unterschiedliche Bilder. Es ist unverantwortlich, diese verwirrten Menschen so lange herumirren zu lassen. Die Pflegenden verwenden zu wenig Zeit für die Sterbebegleitung. Warum kommt nicht sofort jemand vorbei, um der Frau mit dem Durchfall zu helfen? Wo immer Sie und ihr Team die Prioritäten setzen: sie verletzen irgendwo die Würde eines anderen Menschen.
Zeit zum Nachdenken
Es ist keine Frage. Wir haben in den letzen Jahren viel erreicht! Die QM Massnahmen haben viel zur Verbesserung beigetragen! Das differenzierte Beobachten und Hinschauen hat vielen Pflegenden geholfen, ihre Kompetenzen zu entwickeln. Viele Abläufe sind jetzt mit guter Wirkung standardisiert. Aber es zeigt sich auch: Das vorausdenkende QM ist nicht in der Lage, den Kern der Pflegearbeit, das ganz alltägliche Geschehen zu regeln. Im Gegenteil. Oft sind die Ansprüche an Dokumentationsarbeit dafür verantwortlich, dass Pflegefachfrau S. noch weniger Zeit hat, um die alltäglichen Dilemmas zu bearbeiten. Pflegefachfrau S. erlebt jeden Tag das, was Stefan Knobel (2011) treffend beschreibt:
Ein Betrieb stolpert in die Effizienzfalle, wenn seine Bemühungen zur Effizienzsteigerung in seinen Prozessabläufen (durch die Implementierung von Standard, Normen und Regeln) letztlich zu einer Verschlechterung der tatsächlichen erfahrbaren Lebensqualität der Bewohnerinnen oder Klientinnen führt. Diese Falle ist gut getarnt und schnappt lautlos zu. Sie umgarnt ihre Opfer äusserst behutsam. Man beginnt Prozesse zu strukturieren und die Pflege möglichst genau zu dokumentieren. Dies soll zu mehr Kontinuität in der Pflege und Betreuung führen. Wird eine Abweichung von den definierten Kriterien entdeckt, entwickelt man dazu einen neuen Standard oder eine neue Dokumentationsmethode. Man führt zum Beispiel ein Sturzprotokoll ein, dann kommt ein Wundprotokoll dazu. Es muss genau beschrieben werden, was man zur Dekubitus-Verhinderung tut. All diese Qualitätsbemühungen führen dazu. dass die am besten ausgebildeten MitarbeiterInnen immer weniger Zeit für die direkte Interaktion mit den Klientinnen aufwenden können, da ihre Arbeitszeit vom Dokumentationszwang aufgefressen wird. Die fehlende Zeit für Interaktion führt irgendwann zu einer Verminderung der Lebensqualität des betroffenen Menschen. Des Weiteren bestimmt die QM-Reglementierung, was ein Fehler (eine Abweichung) ist. Die konkrete und erlebte Situation im gemeinsamen TUN mit einem Bewohner erscheint nirgendwo und spielt für die Beurteilung der Qualität keine Rolle. Man könnte sagen: Die Qualitätsbemühungen zur vermeintlichen Effizienz-Steigerung fressen die eigenen Früchte des Erfolges auf und richten sich gegen sich selbst. Vermeintliche Effizienzsteigerung vermindert Lebensqualität.
Pflegefachfrau S. ist jeden Morgen um 07:00h da. Noch ist sie da. Vielleicht wird Sie wie viele andere die Flucht antreten. Nicht nach vorne. Die Flucht in einen anderen Beruf – vielleicht auch ins Kader…

Neue Perspektiven sind gefragt

Die Pflegefachfrau S. hat noch nicht aufgegeben. Sie wartet aber darauf, dass nicht nur sie sich dem ganz normalen Wahnsinn des Pflegealltages annimmt. Wenn Sie weiss, dass die Pflegekader, die Stiftungsräte und die Qualitätsverantwortlichen verstehen, dass es neue Perspektiven braucht. Wenn Sie Signale wahrnehmen kann, die ihr aufzeigen, dass ihre täglichen Entscheidungen und Abweichungen vom Idealfall nicht ein Versagen ihrerseits sind. Wenn Sie spürt, dass die Pflege nicht weiter versimplifiziert wird – und wenn die Leistung, die sie jeden Tag erbringt, nicht nur in Kennzahlen erfasst wird. Dann ist viel dafür getan, dass Pflegefachfrau S. weiter Verantwortung übernehmen kann. Dafür braucht es neue Perspektiven, Visionen und Denkweisen.
Vision Lernparadigma
Wenn wir davon ausgehen, dass 50 -70% der Qualität in der Arbeit mit anderen Menschen von der Kompetenz und Selbstverantwortung der Pflegeperson abhängig ist, und wenn wir das Q mit einem L wie Lebensqualität ergänzen, dann verändert sich die Zukunft der Altenpflege. Neue Kompetenzen, Technologien und Blickrichtungen sind gefragt. Im neuen Gesundheitssystem werden die Menschen das Verständnis aufbauen, dass sie selbst das Gesundheitswesen sind: denn das Gesundheits-geschehen passiert zu 95% im Menschen selbst - und kann nur zu einem ganz geringen Masse quasi von aussen durch das Medizinsystem beeinflusst werden.
Pflege wird den Auftrag wahrnehmen, eine Lernumgebung zu schaffen, dass der alte Mensch lernen kann, die eigene Kompetenz zu erweitern.
Allgemein wird in Zukunft der Eigenverantwortung und der Kompetenz des einzelnen Menschen viel mehr Bedeutung beigemessen.
Pflegefachfrau S. ist bereit, den Alltag zu gestalten. Sie ist bereit ihre eigene Kompetenz zu erweitern und Verantwortung zu übernehmen, um mit den betagten Menschen zusammen eine Umgebung zu gestalten, in der Lernen möglich wird. Erweitern wir das Qualitätsmanagement, indem wir dem Unmessbaren seinen Platz geben und stellen die Lebensqualität in den Mittelpunkt. Individualität, Respekt und Wertschätzung wird zur Erfahrung der Interaktionspartner.
Kontaktangaben:
Erich Weidmann  weidmann@bewegt.ch
Literatur: Knobel, Stefan (2011): Vom Messbaren und vom Unmessbaren. Qualitätsmanagement versus Lebensqualität? In: Lebensqualität. Die Zeitschrift für Kinaesthetics. Verlag Lebensqualität, CH-Siebnen, Ausgabe 1/2011
 

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